Wie auch Deutschland stellt die Coronavirus-Pandemie Ghana vor eine große Herausforderung. Doch es lohnt sich, genau hinzuschauen: im Umgang mit der Epidemie konnte dieses Land schon einige Erfolge verbuchen.

Am 20. April, nach nur drei Wochen, hob die ghanaische Regierung die Ausgangssperre für die beiden größten Städte des Landes, Accra und Kumasi, und die meisten der anderen Einschränkungen des öffentlichen Lebens zur Eindämmung der Coronavirus-Epidemie wieder auf. Dies mag erstaunlich wirken, denn dieser Virus verschont natürlich (bzw. leider…) auch Ghana nicht. Die Fallzahlen, damals 1042 bestätigte Infizierte und 9 Tote (bei einer Bevölkerung von ca. 30 Millionen), waren auch nicht am sinken: heute (Stand 6.6..2020) sind es 9168 Infizierte und 42 Tote. Doch man muss sich genauer die Entwicklung der Epidemie in diesem Land und die allgemeine Situation dort anschauen, um dies zu verstehen. Denn in vielerlei Hinsicht geht Ghana wesentlich erfolgreicher mit dieser Krise um als die meisten westlichen Länder, und dies ist nicht nur auf eine jüngere, und damit weniger anfällige, Bevölkerung zurückzuführen.

Die Regierung begründete die kurzen Einschränkungen als eine frühzeitige Reaktion, die es erlaubt hat, die Lage besser einzuschätzen und geeignet zu reagieren. Unter anderem hat die Regierung früh in Tests investiert und konnte so bis Mitte Mai über 161000 Tests durchführen. Diese wurden effizient eingesetzt, indem mehrere Blutproben vermischt und gemeinsam getestet wurden: nur wenn die gesammelte Probe positiv auf das Virus getestet wurde, wurden die Personen einzeln getestet. Diese Methode wird auch in Deutschland eingesetzt. Die Kontakte von infizierten Personen wurden von Anfang an von einem großen Netz an Freiwilligen effizient nachverfolgt.

Ebenso hat die Regierung sowohl lang- als auch kurzfristige Investitionen in das Gesundheitssystem geplant. So sollen nächstes Jahr 96 neue Krankenhäuser in Betrieb gehen. Kurzfristig wurde die Anzahl an Beatmungsgeräten auf über 200 aufgestockt, was gut ausreicht: unter den ersten 1200 Patienten waren weniger als fünf auf diese Geräte angewiesen. Diese Maßnahmen konnten schnell in die Wege geleitet werden, da die ghanaische Regierung auf zuvor etablierte Krisenfonds zurückgreifen konnte und somit nicht auf internationale Hilfe warten musste.

Während sich die geringe Anzahl an gravierenden Verläufen der Krankheit auch durch die jüngere Demographie erklären lässt, so kann man damit nicht die im Vergleich zu westlichen Ländern geringere Infektionszahlen begründen. In Belgien und Ghana wurden am gleichen Tag, dem 4. Februar, der erste positive Covid-19-Fall bestätigt. Heute hat Belgien knapp 58000 Fälle (Stand ebenfalls 6.6.), also über sechs Mal mehr als Ghana, obwohl die Bevölkerung Ghanas fast dreimal so groß ist (Belgien zählt knapp 11,5 Mio. Einwohner).

Nichtsdestotrotz mag man sich fragen, ob trotz einem vergleichsweise guten Verlauf der Epidemie eine längere Dauer der Einschränkungen hilfreich gewesen wäre. Doch auch hier muss man bedenken, dass sich Ghana in einer anderen Situation als die westlichen Länder befindet. Während die europäischen Sozialsysteme der Bevölkerung durch Maßnahmen wie Kurzarbeit helfen können, ist dies in Ghana nicht möglich: laut dem ghanaischen Gewerkschaftsverband Trade Union Congress sind fast 90% der ghanaischen Arbeitskräfte in der informellen Wirtschaft tätig. Zwar hat die ghanaische Regierung für mehrere Monate Strom- und Wasserkosten erlassen oder reduziert, doch für den ärmeren Teil der Bevölkerung bedeuteten die Ausgangssperre eine konkrete Bedrohung ihrer Existenz. Für viele Menschen, auch eine beachtliche Anzahl Minderjähriger, bedeuteten die drei Wochen Ausgangssperre ein Totalausfall an Einkommen.

Die Epidemie, wie auch die Ausgangssperre und weitere Einschränkungen, betrifft hauptsächlich den Süden des Landes, der wesentlich dichter besiedelt ist. In der Northern Region, in der Saboba liegt, gibt es auch einige Fälle, darunter einen bestätigten Fall in Saboba (Stand 4.6.2020). Das Saboba Youth Centre engagiert sich im Rahmen seiner Möglichkeiten – der Schutz der Freiwilligen und der Jugendlichen steht natürlich im Vordergrund – um in der aktuellen Situation zu helfen, beispielsweise durch Informationskampagnen auf lokalen Radiosendern. Die meisten anderen Projekte, wie das Jugendparlament, sind derweil pausiert.

Die langfristigen Auswirkungen der Epidemie auf Ghana werden sich noch zeigen. Aufstrebende Wirtschaftszweige wie der Tourismus, der insgesamt ca. 600000 GhanaerInnen beschäftigt und 6% des Bruttoinlandsproduktes ausmacht, leidet unter der Krise schwer. Dies ist ein scharfer Kontrast zu dem so erfolgreichen Jahr 2019, dem „Year of Return“, einer PR-Kampagne der ghanaischen Regierung 400 Jahre nach der ersten Verschleppung von Westafrikanern nach Amerika. Diese Kampagne war ein durchschlagender Erfolg – mehr dazu erfahrt Ihr im Artikel dazu in unserem neuen Sommernewsletter 2020!

Quellen: http://www.ncov19live.com/, https://www.aljazeera.com/news/2020/04/ghanains-week-lockdown-mixed-emotions-200420183840310.html, https://www.theguardian.com/global-development/2020/may/03/coronavirus-easing-of-lockdown-a-relief-to-ghanas-poor-despite-fears-it-is-premature, https://www.theguardian.com/commentisfree/2020/may/21/africa-coronavirus-successes-innovation-europe-us, https://www.washingtonpost.com/world/2020/05/16/when-it-comes-coronavirus-response-superpowers-may-need-study-smaller-nations/, https://www.lemonde.fr/afrique/article/2020/05/25/au-ghana-la-pandemie-de-coronavirus-a-mis-a-l-arret-le-prometteur-secteur-du-tourisme_6040705_3212.html

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